Der Geschmack der Menschen bildet sich mehr in dem Umgange mit dem Alterthume als mit der Natur, und das Studium der Antiken lehret uns, die Natur mit andern Augen zu…
Der Geschmack, welcher sich in der Welt mehr und mehr ausgebildet hat, ist endlich auch auf die Statuen gekommen, und man hat angefangen, sie mit andern Augen zu betrachten.
Hintergrund & Bedeutung
Johann Joachim Winckelmann verfasste diese Zeilen in seinem 1764 erschienenen Hauptwerk „Geschichte der Kunst des Alterthums“, das als Gründungsdokument der modernen Kunstgeschichte und Archäologie gilt. In einer Zeit, in der die Antike oft nur als Steinbruch für barocke Prachtentfaltung oder als bloße Kuriositätensammlung diente, entwickelte Winckelmann während seines Aufenthalts in Rom ein neues System der Epochengliederung. Er schrieb aus der Überzeugung heraus, dass die Kunstentwicklung kein Zufallsprodukt sei, sondern eng mit den klimatischen, sozialen und politischen Bedingungen einer Kultur – insbesondere der griechischen Freiheit – verknüpft ist. Sein Werk markiert den Übergang von der bloßen Künstlerbiografie hin zu einer wissenschaftlichen Stilanalyse.
Der Kern der Aussage liegt in der Forderung nach einer neuen Art des Sehens, die über die rein oberflächliche Bewunderung hinausgeht. Mit den „anderen Augen“ meint Winckelmann den geschulten Blick des Kenners, der die „edle Einfalt und stille Größe“ der griechischen Bildhauerei erkennt. Er postuliert, dass wahrer Geschmack erst durch die rationale Durchdringung von Proportion, Form und dem Ideal der Schönheit entsteht. Für Winckelmann war die antike Statue nicht nur ein totes Objekt der Vergangenheit, sondern ein zeitloses Vorbild, dessen Nachahmung den Weg zur höchsten künstlerischen Vollendung in der Gegenwart ebnen sollte. Er erhob die Ästhetik damit zu einer eigenständigen philosophischen Kategorie.
Heute wird die Passage häufig zitiert, um den Beginn der modernen Rezeptionsgeschichte und den Wandel der Wahrnehmungsmuster zu illustrieren. In der Kunstwissenschaft dient sie als Beleg für den „Visual Turn“ des 18. Jahrhunderts, während sie in der Philosophie oft im Zusammenhang mit der Aufklärung und der Erziehung des Menschen zur Mündigkeit genannt wird. Über die Fachwelt hinaus findet das Zitat Anwendung in Diskursen über den kulturellen Wertewandel und die Subjektivität des Betrachters. Es verdeutlicht, dass Sehen ein erlernbarer Prozess ist, der maßgeblich durch den jeweiligen Zeitgeist und den intellektuellen Kontext geprägt wird.
