Die Poesie ist dasjenige, was durch die Sprache das Unaussprechliche ausdrückt, und dasjenige, was durch die Darstellung das Unbeschreibliche beschreibt.
Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung.
Hintergrund & Bedeutung
Novalis verfasste diese Zeilen im Jahr 1798 in einem Brief an Friedrich Schlegel, inmitten der formativen Phase der Frühromantik in Jena. Diese Ära war geprägt von einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch: Die Aufklärung hatte die Welt durch Rationalisierung und wissenschaftliche Analyse entzaubert, während die Französische Revolution die politischen Ordnungen erschütterte. In diesem Spannungsfeld suchte Novalis nach einer neuen Verbindung von Geist und Materie, um der drohenden Entfremdung des Individuums durch eine rein zweckgebundene Weltsicht entgegenzuwirken. Das Zitat fungiert hierbei als programmatisches Manifest einer neuen ästhetischen Weltanschauung.Die Kernidee der Romantisierung liegt in der 'qualitativen Potenzierung' des Alltäglichen. Novalis fordert nicht eine Flucht in eine irreale Traumwelt, sondern eine Transformation der Wahrnehmung: Dem Gemeinen soll ein hoher Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen und dem Bekannten die Würde des Unbekannten gegeben werden. Es handelt sich um einen aktiven, schöpferischen Akt, der die Trennung zwischen Subjekt und Objekt aufhebt. Durch die poetische Durchdringung der Wirklichkeit soll der Mensch den 'ursprünglichen Sinn' der Existenz wiederentdecken, der in der Einheit von Natur und Geist liegt.Heute gilt dieser Ausspruch als die prägnanteste Definition des romantischen Programms überhaupt. Er wird weit über die Literaturwissenschaft hinaus in der Philosophie und Kulturkritik zitiert, wenn es um die Kritik an einer rein technokratischen oder ökonomisierten Welt geht. In der modernen Popkultur und im Alltagsdiskurs taucht der Begriff oft in einem vereinfachten Sinne von Ästhetisierung auf, doch in seinem Ursprung bleibt er ein radikaler Aufruf zur geistigen Rückeroberung einer fragmentierten Realität.
