Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.
Dichter Duineser Elegien, Erste Elegie, 1923
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Hintergrund & Bedeutung

Rainer Maria Rilke verfasste diese Zeilen als Auftakt seiner 'Duineser Elegien', deren Niederschrift 1912 auf Schloss Duino bei Triest begann und nach einer langen Schaffenskrise sowie den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs erst 1922 vollendet wurde. Die Geburtsstunde des Werkes war geprägt von einer tiefen existenziellen Einsamkeit und der Suche nach einer neuen poetischen Sprache, die das Verhältnis zwischen Mensch und Transzendenz neu definiert. In einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs suchte Rilke nach einer Form der Spiritualität, die jenseits konventioneller Religionen Bestand hatte. Die Passage artikuliert Rilkes radikale Ästhetik, in der Schönheit keine harmlose Dekoration ist, sondern eine überwältigende Kraft, die an das Erhabene und das Grauen grenzt. Das Schöne wird hier als die äußerste Grenze des Ertragbaren verstanden; es ist eine Manifestation des Göttlichen oder Absoluten, das den Menschen aufgrund seiner Unendlichkeit vernichten könnte, es aber aus einer souveränen Gleichgültigkeit heraus unterlässt. Diese Sichtweise rückt das Kunstwerk in die Nähe des Heiligen und Gefährlichen und bricht mit der klassischen Vorstellung von harmonischer Ästhetik. Heute gilt das Zitat als Schlüsselstelle der literarischen Moderne und wird häufig in philosophischen Diskursen über das Erhabene oder in der Psychologie zur Beschreibung von Grenzwerterfahrungen herangezogen. Es findet Resonanz in der Popkultur und Literaturkritik, wenn die Ambivalenz von Ästhetik und Schmerz thematisiert wird. Rilkes Definition bleibt aktuell, da sie die Zerbrechlichkeit des menschlichen Daseins angesichts einer unbegreiflichen Welt präzise einfängt.

Rainer Maria Rilke

Dichter · Österreichisch

Rainer Maria Rilke (1875–1926) war einer der bedeutendsten Lyriker der literarischen Moderne, bekannt für seine sprachgewaltigen Dinggedichte und die tiefgründigen 'Duineser Elegien'.

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