Die Poesie ist etwas, das auf der Straße herumläuft. Das an uns vorbeigeht, das uns streift. Alle Dinge haben ihr Geheimnis, und die Poesie ist das Geheimnis, das alle Dinge…
Die Poesie ist das Zusammenbringen von zwei Wörtern, von denen man nie hätte glauben können, dass sie zusammenkommen könnten und die so etwas wie ein Mysterium bilden.
Hintergrund & Bedeutung
Federico García Lorca formulierte diese Gedanken zur poetischen Bildsprache vorwiegend in den 1920er Jahren, einer Ära des radikalen künstlerischen Umbruchs in Spanien. Als zentrales Mitglied der Generación del 27 war er bestrebt, die traditionelle spanische Lyrik mit den avantgardistischen Strömungen des Surrealismus zu verschmelzen. In seinen Vorträgen, etwa über die Ästhetik der Metapher, suchte er nach einer Definition für das Duende – jene dunkle, schöpferische Kraft, die über den bloßen Verstand hinausgeht und in der Konfrontation mit dem Unerwarteten entsteht. Die Überzeugung, dass Poesie durch die gewollte Kollision disparater Begriffe entsteht, spiegelt Lorcas Ablehnung einer rein deskriptiven Literatur wider. Für ihn war das poetische Bild kein bloßer Vergleich, sondern eine eigenständige Realität, die durch die Verbindung weit voneinander entfernter Konzepte eine neue, metaphysische Wahrheit erschafft. Diese Technik zielt darauf ab, die gewohnte Logik zu durchbrechen und den Leser in einen Zustand des Staunens zu versetzen, in dem die Sprache ihre rein funktionale Rolle verliert und zum Träger eines unlösbaren Mysteriums wird. Heute gilt dieser Ausspruch als eine der prägnantesten Definitionen der modernen Lyrik und wird häufig herangezogen, um den kreativen Prozess als Akt der Synthese zu beschreiben. In Literaturwissenschaft und Schreibwerkstätten dient er als Plädoyer für den Mut zum Experiment. Lorcas Vision einer Poesie, die das Unmögliche verknüpft, bleibt ein Referenzpunkt für die Kraft der Imagination, die in einer zunehmend rationalisierten Welt das Geheimnisvolle bewahrt.
