In allen Dingen gibt es ein Geheimnis, und die Poesie ist das Geheimnis, das alle Dinge haben; sie ist die Seele der Welt, die in jedem Augenblick zu uns spricht.
Die Poesie ist etwas, das auf der Straße herumläuft. Das an uns vorbeigeht, das uns streift. Alle Dinge haben ihr Geheimnis, und die Poesie ist das Geheimnis, das alle Dinge haben.
Hintergrund & Bedeutung
Federico García Lorca äußerte diese Worte im Jahr 1933 während eines Interviews mit dem Journalisten Alardo Prats, einer Zeit, in der er sich auf dem Höhepunkt seines Schaffens befand und kurz vor dem internationalen Erfolg seiner Tragödie 'Bluthochzeit' stand. In der politisch instabilen Phase der Zweiten Spanischen Republik suchte Lorca nach einer Kunstform, die sich von akademischer Elitärigkeit löste. Er leitete zu dieser Zeit die Wanderbühne 'La Barraca', um klassisches Theater in entlegene Dörfer zu bringen, was sein Bestreben widerspiegelte, die Distanz zwischen Hochkultur und dem einfachen Volk zu überbrücken. Die Aussage entspringt Lorcas Überzeugung, dass das Poetische keine künstliche Konstruktion, sondern eine immanente Kraft des Alltags ist. Er bricht mit der Vorstellung, Poesie sei ein Privileg Gelehrter, und verortet sie stattdessen in der unmittelbaren Realität und den unscheinbaren Objekten der Welt. Für Lorca ist der Dichter kein Schöpfer aus dem Nichts, sondern ein Medium, das die verborgenen, oft schmerzhaften oder magischen Geheimnisse der Dinge sichtbar macht. Diese Sichtweise verbindet den spanischen Folklorismus mit surrealistischen Einflüssen, indem sie das Gewöhnliche mystifiziert. Heute gilt das Zitat als Schlüssel zum Verständnis der modernen Lyrik, da es die Demokratisierung der Schönheit propagiert. Es wird häufig in literaturwissenschaftlichen Diskursen und kreativen Schreibwerkstätten verwendet, um den Blick für die Ästhetik des Momentanen zu schärfen. In der Popkultur und den sozialen Medien dient es als Referenz für Achtsamkeit und die Wiederentdeckung des Wunderbaren in einer zunehmend technisierten Welt.
