Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnaden-Gegenwart.
Ich bin genöthiget gewesen, mich so weit zu demüthigen, daß ich auch für andere Leute arbeiten muß, damit ich mein Brod verdienen kann.
Hintergrund & Bedeutung
Johann Sebastian Bach verfasste diese Zeilen am 28. Oktober 1730 in einem privaten Brief an seinen Jugendfreund Georg Erdmann, der zu diesem Zeitpunkt als kaiserlicher Agent in Danzig tätig war. Bach befand sich in seiner Amtszeit als Thomaskantor in Leipzig in einer Phase tiefer Frustration. Er sah sich mit einer uneinsichtigen Kirchen- und Stadtverwaltung konfrontiert, die ihm notwendige Mittel für die Kirchenmusik verweigerte und seine Kompetenzen beschnitt. Zudem belasteten die hohen Lebenshaltungskosten in der Stadt und das ausbleibende Einkommen aus den sogenannten Akzidentien, etwa Gebühren für Trauerfeiern, die finanzielle Situation seiner kinderreichen Familie erheblich. Die Äußerung spiegelt das bittere Eingeständnis eines Künstlers wider, der seine eigentliche Berufung – die Erschaffung einer 'regulirten Kirchenmusik' zur Ehre Gottes – durch profane Lohnarbeit gefährdet sah. Bach empfand es als soziale und künstlerische Herabwürdigung, seine Zeit für Gelegenheitskompositionen oder Unterrichtsdienste opfern zu müssen, die lediglich der Existenzsicherung dienten, anstatt sein Genie vollends der sakralen Kunst zu widmen. In der heutigen Rezeption dient das Zitat oft als Beleg für das prekäre Verhältnis zwischen künstlerischer Freiheit und ökonomischem Zwang. Es wird in biografischen Abhandlungen und kulturgeschichtlichen Debatten herangezogen, um das Bild des unantastbaren Genies zu dekonstruieren und Bach stattdessen als einen Menschen zu zeigen, der unter realen gesellschaftlichen und finanziellen Widerständen litt. In der modernen Arbeitswelt wird der Satz zudem häufig zitiert, um die Entfremdung im Berufsleben oder die Notwendigkeit von 'Brotjobs' zu thematisieren.
