O komm und geh. Du, fast noch Kind, ergänze den Tanz mit der Figur, dass sie an uns glänze. Alles Wirkliche ist nur dann wirklich, wenn es sich in das Unwirkliche hinein steigert.
Dichter Briefe an einen jungen Dichter, 1929
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Hintergrund & Bedeutung

Rainer Maria Rilke verfasste die Briefe an einen jungen Dichter zwischen 1903 und 1908 als Korrespondenz mit Franz Xaver Kappus. Die Veröffentlichung im Jahr 1929 erfolgte posthum und markiert eine Phase, in der Rilke tiefgreifende Fragen über die Einsamkeit, die Liebe und die Bestimmung des Künstlers reflektierte. In einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und der persönlichen Suche nach einer neuen poetischen Sprache suchte Rilke nach Wegen, das Unsagbare auszudrücken. Das Zitat entstammt jedoch primär seinem lyrischen Spätwerk, insbesondere den 'Sonetten an Orpheus', die 1922 in einem regelrechten Schaffensrausch entstanden und die enge Verbindung zwischen Kunst, Vergänglichkeit und Metaphysik thematisieren.

Die Kernidee dieser Zeilen liegt in der Überzeugung, dass die rein materielle Welt ohne die Dimension des Geistigen oder Imaginären unvollständig bleibt. Rilke postuliert, dass das Wirkliche erst durch die Transformation in das Unwirkliche – also durch die künstlerische Gestaltung und die Transzendenz – seine wahre Tiefe und Leuchtkraft erhält. Der Tanz dient hierbei als Metapher für die flüchtige Bewegung des Lebens, die erst in der ästhetischen Form Dauer gewinnt. Für Rilke ist die Kunst kein bloßes Abbild der Realität, sondern deren notwendige Steigerung, um die existenzielle Wahrheit hinter den Dingen sichtbar zu machen.

Heute wird diese Passage häufig zitiert, um die Bedeutung von Kreativität und Intuition in einer zunehmend rationalisierten Welt zu betonen. In der Literaturwissenschaft gilt sie als Schlüsselstelle für das Verständnis der rilkschen Ontologie, während sie in der modernen Psychologie und Philosophie oft als Plädoyer für die Kraft der Imagination herangezogen wird. Das Zitat findet sich in Essays über Ästhetik ebenso wie in Diskursen über die heilende Kraft der Kunst, da es die Sehnsucht des Menschen beschreibt, über die Grenzen des Faktischen hinauszuwachsen und dem Dasein durch das Schöpferische einen tieferen Glanz zu verleihen.

Rainer Maria Rilke

Dichter · Österreichisch

Rainer Maria Rilke (1875–1926) war einer der bedeutendsten Lyriker der literarischen Moderne, bekannt für seine sprachgewaltigen Dinggedichte und die tiefgründigen 'Duineser Elegien'.

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