Was nützt die Freiheit des Denkens, wenn man kein Denker ist?
Politik ist keine Veranstaltung zur Erfüllung von Wünschen, sondern die Kunst des Möglichen, bei der man oft genug das kleinere Übel wählen muss, um größeres Unheil abzuwenden.
Hintergrund & Bedeutung
Helmut Schmidt formulierte diese Gedanken in seinem 2008 erschienenen Alterswerk 'Außer Dienst: Eine Bilanz', in dem er auf sein politisches Leben und die Herausforderungen der Nachkriegszeit zurückblickte. Das Buch entstand in einer Phase, in der Schmidt bereits als moralische Instanz und 'Welterklärer' etabliert war. Seine Reflexionen sind tief geprägt von den Krisenerfahrungen des 20. Jahrhunderts, insbesondere von der Zeit des Nationalsozialismus sowie den existenziellen Bedrohungen des Kalten Krieges. Diese historischen Umstände führten bei ihm zu einer tiefen Skepsis gegenüber politischen Utopien und einer Hinwendung zu einem nüchternen, verantwortungsethischen Handeln im Sinne Max Webers.
Die Aussage artikuliert Schmidts Kernüberzeugung des politischen Realismus. Er begreift Politik nicht als Wunschkonzert oder ideologisches Projekt, sondern als pragmatisches Handwerk unter widrigen Bedingungen. Im Zentrum steht die Abwägung von Konsequenzen, wobei die Vermeidung von Katastrophen Vorrang vor der Maximierung von Glück hat. Diese Haltung spiegelt seinen Regierungsstil wider, der besonders während der Ölpreiskrisen und des Deutschen Herbstes 1977 durch kühle Rationalität und die Bereitschaft zu schmerzhaften Kompromissen gekennzeichnet war. Für Schmidt ist die Wahl des kleineren Übels kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Akt höchster politischer Verantwortung.
Heute wird die Passage regelmäßig zitiert, um in komplexen Krisensituationen – etwa in der Klimapolitik oder bei geopolitischen Konflikten – für Realitätssinn zu werben. Sie dient als Korrektiv gegen populistische Versprechen und übersteigerten Idealismus. In der politischen Bildung und im öffentlichen Diskurs gilt der Satz als klassische Definition der 'Realpolitik'. Er hat Eingang in die politische Alltagssprache gefunden und wird oft herangezogen, wenn es darum geht, unpopuläre Entscheidungen als notwendige Schritte zur Sicherung der Stabilität zu legitimieren.
