Das Staunen ist der Anfang aller Erkenntnis, aber es ist auch ihr Ziel, denn je mehr wir verstehen, desto wunderbarer und rätselhafter erscheint uns das Dasein in seiner Unendlichkeit.
Das Schöne ist nicht das Glatte, das Perfekte, sondern das, worin ein Schmerz aufgehoben ist, eine Sehnsucht, die über den Augenblick hinausweist und uns mit dem Unendlichen verbindet.
Hintergrund & Bedeutung
Navid Kermani entwickelte diese Ästhetik des Gebrochenen vor allem in seinen literaturwissenschaftlichen und religionsphilosophischen Essays sowie in seinen Reden, etwa zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Als Grenzgänger zwischen den Kulturen schöpft er aus der Sufi-Mystik, der klassischen deutschen Literatur und der christlichen Ikonographie. Sein Denken ist geprägt von der Erfahrung, dass wahre Erkenntnis oft aus Krisenmomenten oder der Konfrontation mit dem Fremden erwächst, was in einer zunehmend säkularisierten und auf Effizienz getrimmten Gesellschaft als Gegenentwurf zur oberflächlichen Perfektion fungiert. Die Kernbotschaft richtet sich gegen einen rein dekorativen Schönheitsbegriff. Für Kermani ist Schönheit eine existenzielle Kategorie, die den Riss in der Welt nicht kaschiert, sondern integriert. Das 'Aufgehobensein' des Schmerzes im Schönen bedeutet, dass Leid nicht verdrängt, sondern in eine höhere Form der Wahrheit überführt wird. Wahre Ästhetik dient hier als Brücke zum Transzendenten; sie ist ein Verweis auf das Unvollendete des Menschen, das gerade in seiner Sehnsucht eine Verbindung zum Unendlichen sucht. In einer Gegenwart, die von digitaler Glätte und dem Zwang zur Selbstoptimierung dominiert wird, dient diese Einsicht als wichtiges Korrektiv. Das Zitat findet heute breite Resonanz in der Kunsttheorie, der Seelsorge und der philosophischen Anthropologie. Es wird herangezogen, um den Wert von Melancholie und Empathie in einer krisenhaften Moderne zu betonen. Kermanis Worte bieten einen intellektuellen Anker für Menschen, die in der Kunst nicht nur Unterhaltung, sondern eine tiefere, wahrhaftige Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz suchen.
