Die Demokratie ist nicht einfach ein Zustand, den man erreicht und dann besitzt, sondern sie ist eine tägliche Anstrengung, eine ständige Arbeit an sich selbst und an der Gesellschaft.
Das Staunen ist der Anfang aller Erkenntnis, aber es ist auch ihr Ziel, denn je mehr wir verstehen, desto wunderbarer und rätselhafter erscheint uns das Dasein in seiner Unendlichkeit.
Hintergrund & Bedeutung
Navid Kermani, dessen Werk tief in der Schnittmenge zwischen orientalischer Mystik und westlicher Aufklärung verwurzelt ist, artikuliert mit diesen Worten eine zentrale Säule seines ästhetischen und religiösen Denkens. Die Aussage reflektiert seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Sufismus und der literarischen Moderne, wobei er oft betont, dass wahre Gelehrsamkeit nicht zur Entzauberung der Welt führt, sondern die Ehrfurcht vor dem Unbegreiflichen steigern sollte. Dieser Gedanke prägt insbesondere seine Friedenspreisrede sowie seine essayistischen Werke, in denen er gegen einen rein technokratischen oder fundamentalistischen Blick auf die Existenz anschreibt.
Die Kernidee bricht mit der westlichen Tradition, die Erkenntnis oft als einen Prozess der endgültigen Problemlösung versteht. Für Kermani ist das Staunen kein vorübergehender Zustand des Unwissens, sondern die höchste Form der Einsicht. Er postuliert, dass mit zunehmendem Wissen die Komplexität und die Schönheit des Seins nicht abnehmen, sondern als ein immer tieferes Mysterium erkennbar werden. Dies ordnet sich in sein Konzept der 'ästhetischen Erfahrung' ein, in der das Individuum durch die Kunst oder die Religion eine Ahnung von der Unendlichkeit erhält, die sich jeder rationalen Systematisierung entzieht.
In der zeitgenössischen Rezeption dient der Ausspruch häufig als Plädoyer für intellektuelle Demut und Offenheit. Er wird in philosophischen Diskursen über das Verhältnis von Wissenschaft und Spiritualität ebenso zitiert wie in Bildungskontexten, um Neugier als dauerhafte Tugend zu legitimieren. Kermanis Perspektive bietet einen Gegenentwurf zur digitalen Informationsflut, indem sie dazu einlädt, die Welt trotz oder gerade wegen ihrer wissenschaftlichen Erfassbarkeit als ein fortwährendes Wunder wahrzunehmen.
