Die Kunst ist eine der Möglichkeiten, sich offen zu halten, sich vielleicht aus einer Enge herauszuarbeiten, in der man sich vielleicht befindet, und sich eine Weile, eine kleine Weile, Luft zu verschaffen.
Dichter Ansprache anlässlich der Entgegennahme des Literaturpreises der Freien Hansestadt Bremen, 1958
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Hintergrund & Bedeutung

Paul Celan formulierte diese Worte im Jahr 1958 in seiner Dankesrede zur Verleihung des Literaturpreises der Freien Hansestadt Bremen. Zu diesem Zeitpunkt war die literarische Öffentlichkeit der Nachkriegszeit noch stark von den Verdrängungsmechanismen der Wirtschaftswunderjahre geprägt. Für Celan, der als deutschsprachiger Jude aus der Bukowina den Holocaust überlebt und seine Eltern in Konzentrationslagern verloren hatte, war die Sprache sowohl das Medium des Traumas als auch der einzige Ort der Beheimatung. Die Rede entstand in einer Phase, in der er versuchte, die Paradoxie einer Dichtung nach Auschwitz zu begründen, die weder die Schrecken verschweigt noch in reinem Ästhetizismus erstarrt.Das Zitat beschreibt die Kunst nicht als dekoratives Element, sondern als existenzielle Notwendigkeit und Befreiungsakt. Die Metapher der „Enge“ verweist auf die psychische und historische Beklemmung, die Celan zeitlebens begleitete. Er versteht das Schreiben als einen Prozess der Selbstbehauptung, bei dem das Gedicht eine „Atemwende“ ermöglicht. Es geht um die Hoffnung, durch das Wort einen Raum der Freiheit zu schaffen, auch wenn dieser nur von kurzer Dauer ist. Kunst ist hier ein Akt des Widerstands gegen die Lähmung und ein tastender Versuch, trotz der Last der Vergangenheit wieder atmen zu können.In der heutigen Rezeption gilt dieser Ausspruch als eine der zentralen Definitionen für den emanzipatorischen Charakter der Literatur. Er wird häufig in literaturwissenschaftlichen Diskursen herangezogen, um die heilende oder zumindest entlastende Funktion des Schreibens in Krisenzeiten zu verdeutlichen. Über den akademischen Rahmen hinaus findet das Zitat Anwendung in der Psychologie und Kunsttherapie, wo es als Leitmotiv für die Kraft des kreativen Ausdrucks dient. Celans Fokus auf das „Offenhalten“ und das „Luftverschaffen“ bleibt eine zeitlose Mahnung an die Bedeutung der geistigen Freiheit in einer zunehmend funktionalisierten Welt.

Paul Celan

Dichter · Rumänisch-Französisch

Paul Celan war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker der Nachkriegszeit, dessen Werk tiefgreifend von der Shoah und der Suche nach einer neuen Sprache nach dem Zivilisationsbruch geprägt ist.

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