Nur im Raum dieser Kunst will ich zu finden sein, die ich 'Dichtung' nenne, und die sich mir in der Sprache darstellt.
Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen.
Hintergrund & Bedeutung
Paul Celan veröffentlichte die Zeile 1968 im Gedichtband „Fadensonnen“, einer Phase seines Spätwerks, die von einer zunehmenden Radikalisierung der lyrischen Verknappung geprägt war. Als Überlebender der Shoah und jüdischer Dichter, dessen Eltern in Lagern ermordet wurden, rang Celan zeitlebens mit der Unmöglichkeit und gleichzeitigen Notwendigkeit des Schreibens nach Auschwitz. Die späten 1960er-Jahre waren für ihn zudem von schweren psychischen Krisen und einer tiefen Entfremdung von der Gesellschaft gezeichnet, was seine Suche nach einer Sprache jenseits konventioneller menschlicher Verständigung forcierte. Die Aussage markiert einen Wendepunkt weg von der anthropozentrischen Lyrik hin zu einer absoluten Poesie. Sie deutet an, dass die Kunst eine Sphäre erreichen muss, die über das rein Menschliche – das oft mit Gewalt und dem Versagen der Sprache assoziiert wird – hinausgeht. Es ist die Hoffnung auf eine Wahrheit, die in der Stille oder in einer Sphäre jenseits der Geschichte existiert, wo das Lied nicht mehr durch menschliche Schuld korrumpiert werden kann. Celan sucht hier nach einer Existenzform des Wortes, die auch dann Bestand hat, wenn das Menschliche verstummt. Heute gilt das Zitat als Schlüsselstelle für die moderne Poetik und die philosophische Ästhetik. Es wird in Diskursen über das Posthumanistische, die Grenzen der Darstellbarkeit von Traumata und in der ökologischen Philosophie rezipiert. Die Zeile erinnert daran, dass Kunst eine transzendente Kraft besitzt, die über die individuelle Existenz und das kollektive Scheitern der Spezies hinausweist, weshalb sie oft als Ausdruck einer melancholischen, aber beharrlichen Hoffnung zitiert wird.
