Die Demokratie ist nicht einfach ein Zustand, den man erreicht und dann besitzt, sondern sie ist eine tägliche Anstrengung, eine ständige Arbeit an sich selbst und an der Gesellschaft.
Die Liebe ist kein Zustand, den man besitzt, sondern ein Geschehen, das sich ereignet, eine Bewegung auf den anderen zu, die niemals an ein Ende kommt.
Hintergrund & Bedeutung
Navid Kermanis Reflexionen über die Liebe wurzeln tief in seiner Auseinandersetzung mit der islamischen Mystik, insbesondere dem Sufismus, und deren Übertragung in einen modernen, säkularen Diskurs. In Werken wie 'Wer ist Wir?' oder seinen literaturwissenschaftlichen Analysen zur Ästhetik des Korans verknüpft er persische Dichtung mit westlicher Philosophie. Das Zitat entstammt diesem intellektuellen Spannungsfeld, in dem Kermani versucht, religiöse Grundbegriffe von ihrer dogmatischen Starrheit zu befreien und als lebendige, existenzielle Erfahrungen für den heutigen Menschen erfahrbar zu machen. Die Liebe wird hier nicht als statisches Gut, sondern als dynamischer Prozess verstanden, der sich gegen die Konsumlogik der Gegenwart stellt.
Inhaltlich bricht Kermani mit der Vorstellung, Liebe sei ein Ziel, das man durch Erreichen eines bestimmten Beziehungsstatus 'besitzt'. Er definiert sie stattdessen als eine unendliche Annäherung an das Gegenüber, die gerade durch ihre Unabgeschlossenheit ihre Kraft bezieht. Diese Sichtweise spiegelt Kermanis Überzeugung wider, dass das Menschsein wesentlich im Dialog und in der Offenheit gegenüber dem Fremden besteht. Die Bewegung auf den anderen zu ist für ihn eine Form der Transzendenz im Alltag, die niemals stagniert, da der andere Mensch in seiner Tiefe niemals vollständig ergründet werden kann.
Heute findet das Zitat breiten Anklang in der philosophischen Seelsorge und der modernen Beziehungspsychologie, da es einen Gegenentwurf zur schnellen Bedürfnisbefriedigung bietet. Es wird häufig in literarischen Essays und bei feierlichen Anlässen zitiert, um die Ernsthaftigkeit und Tiefe zwischenmenschlicher Bindungen zu betonen. In einer Zeit der zunehmenden Polarisierung dient Kermanis Gedanke zudem als ethischer Kompass: Er mahnt dazu, den Mitmenschen nicht als feststehendes Objekt zu betrachten, sondern die Beziehung als eine fortwährende, aktive Hinwendung zu begreifen.
