Wir sind nicht zufrieden mit dem Leben, das wir in uns selbst und in unserem eigenen Wesen führen; wir wollen in der Vorstellung anderer ein anderes Leben führen und bemühen…
Es gibt zwei Arten von Menschen: die Gerechten, die sich für Sünder halten, und die Sünder, die sich für Gerecht halten.
Hintergrund & Bedeutung
Blaise Pascal verfasste diese Gedanken in seinen letzten Lebensjahren, die von einer tiefen religiösen Hinwendung und körperlichem Leiden geprägt waren. Das Zitat entstammt seinem unvollendeten Hauptwerk 'Pensées', einer Verteidigung des christlichen Glaubens, die erst 1670 postum veröffentlicht wurde. Pascal, der zuvor als brillanter Mathematiker und Physiker reüssierte, zog sich nach einem mystischen Erlebnis zunehmend in den Kreis der Jansenisten im Kloster Port-Royal zurück. In dieser Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs im absolutistischen Frankreich suchte er nach einer Antwort auf die existenzielle Verlorenheit des Menschen zwischen dem Unendlichen und dem Nichts.
Die Aussage spiegelt Pascals pessimistische Anthropologie und seine Überzeugung von der radikalen Unvollkommenheit des Menschen wider. Er bricht mit der oberflächlichen Moralvorstellung seiner Zeit, indem er wahre Gerechtigkeit an die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Demut knüpft. Wer sich seiner eigenen Fehlbarkeit bewusst ist, handelt aus einer Haltung der Aufrichtigkeit, während die vermeintlich Sündlosen in der Arroganz der Selbstgerechtigkeit verharren. Für Pascal ist die Selbsterkenntnis der erste Schritt zur göttlichen Gnade; die größte Sünde liegt somit im Mangel an Selbsterkenntnis und im Hochmut des Verstandes.
Heute fungiert das Zitat als zeitlose Mahnung gegen moralische Überlegenheit und ideologische Verblendung. Es findet in der modernen Psychologie ebenso Anklang wie in ethischen Debatten über Integrität. In der Literatur und Philosophie wird es oft herangezogen, um die Paradoxie der menschlichen Natur zu illustrieren. Da es die psychologische Tiefe der Selbsttäuschung prägnant zusammenfasst, bleibt es ein fester Bestandteil des intellektuellen Diskurses über die Ambivalenz von Gut und Böse.
