Wer Sorgen hat, hat auch Likör; doch wer ihn hat, hat keine mehr. Das ist das Schöne an der Welt, daß jeder hat, was ihm gefällt.
Es ist ein großer Fehler, sich einzubilden, man sei mehr als die anderen, oder man sei besser als die anderen, oder man sei klüger als die anderen.
Hintergrund & Bedeutung
Wilhelm Busch verfasste diese Zeilen im Jahr 1872 in einem Brief an die niederländische Schriftstellerin Marie Anderson. Zu dieser Zeit befand sich Busch auf dem Höhepunkt seines Ruhms, litt jedoch zunehmend unter der Last der Öffentlichkeit und suchte im privaten Briefwechsel nach intellektuellem Austausch über tiefgreifende Lebensfragen. Die Ära war geprägt vom rasanten gesellschaftlichen Aufstieg des Bürgertums im jungen Kaiserreich, was oft mit Dünkel und Geltungsdrang einherging. Busch, der zeitlebens eine skeptische Distanz zum menschlichen Ego wahrte, reflektierte in der Korrespondenz seine eigene Position gegenüber dem Erfolg und der menschlichen Eitelkeit.
Die Aussage artikuliert eine radikale Absage an Überlegenheitsgefühle und Arroganz. Busch vertritt hier eine Philosophie der Bescheidenheit, die tief in seinem pessimistischen Menschenbild verwurzelt ist. Für ihn sind alle Menschen gleichermaßen den Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur unterworfen; niemand steht moralisch oder intellektuell wahrhaft über dem anderen. Diese Sichtweise korrespondiert mit seiner Bewunderung für Arthur Schopenhauer, dessen Lehre von der Überwindung des Willens und des individuellen Egos Busch stark beeinflusste. Wahre Klugheit besteht nach diesem Verständnis gerade darin, die eigene Fehlbarkeit und Gleichwertigkeit mit den Mitmenschen zu erkennen.
Heute fungiert der Ausspruch als zeitlose Mahnung gegen Narzissmus und soziale Abgrenzung. Er wird häufig in pädagogischen Kontexten, in der Managementethik oder in philosophischen Abhandlungen über den Wert der Demut zitiert. In einer durch Selbstinszenierung geprägten digitalen Kultur dient der Text als Korrektiv, das zur Erdung aufruft. Buschs Fähigkeit, komplexe moralische Einsichten in schlichte, allgemeingültige Sprache zu fassen, sorgt dafür, dass seine Mahnung vor der Einbildung auch über 150 Jahre später in Alltagsdiskursen und der Ratgeberliteratur präsent bleibt.
