Die Musik ist mir nun einmal das Liebste auf der Welt, und ich liebe alles, was Musik ist, weil es mich besser und glücklicher macht.
Es ist ein so köstliches Gut, eine eigene Welt zu haben, in der man sich nach Belieben flüchten kann, wenn die äußere nicht nach Wunsch geht.
Hintergrund & Bedeutung
Fanny Hensel verfasste diese Zeilen am 30. Juli 1836 in einem Brief an ihren Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy. In dieser Zeit erlebte die hochbegabte Komponistin eine Phase tiefen inneren Zwiespalts: Während ihr Bruder als gefeierter Musiker Weltruhm genoss, blieb ihr aufgrund der gesellschaftlichen Konventionen des Biedermeier und des Widerstands ihres Vaters und Bruders eine professionelle Karriere weitgehend verwehrt. Die Musik war für sie kein bloßes Hobby, sondern eine existenzielle Notwendigkeit, die sie jedoch fast ausschließlich im privaten Rahmen der Sonntagsmusiken ausleben durfte. Die Äußerung spiegelt den Rückzug in die schöpferische Arbeit als Reaktion auf die restriktiven Lebensumstände einer Frau ihres Standes wider. Die Kernidee des Zitats liegt in der Musik als autonomem Schutzraum. Hensel beschreibt die Kunst als eine innere Emigration, die es ermöglicht, die Unzulänglichkeiten und Enttäuschungen der Realität zu überwinden. Für sie war das Komponieren ein Akt der Selbstbehauptung und ein Ort absoluter Freiheit, an dem die sozialen Barrieren ihrer Zeit keine Gültigkeit besaßen. Es verdeutlicht ihre Überzeugung, dass die geistige Welt eine unantastbare Ressource darstellt, die dem Individuum Trost und Identität verleiht, wenn die äußere Welt den eigenen Ambitionen entgegensteht. Heute wird dieser Gedanke häufig in der Psychologie und Resilienzforschung zitiert, um die Bedeutung von Hobbys und kreativen Rückzugsorten für die psychische Gesundheit zu betonen. In der feministischen Musikwissenschaft dient das Zitat als Schlüsseltext, um die Lebensrealität verkannter Künstlerinnen zu illustrieren. Es findet zudem in der Ratgeberliteratur Verwendung, wenn es um die Kultivierung einer inneren Welt als Gegenpol zu einer fordernden oder unbefriedigenden Umwelt geht.
