Ich habe so Heimweh nach der Welt und nach mir selbst. Ich bin so müde und meine Seele ist so schwer von den vielen Tränen, die ich geweint habe.
Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen. Wir wollen wachen die Nacht, wir wollen beten in den Sprachen, die wie Harfen eingeschnitten sind.
Hintergrund & Bedeutung
Else Lasker-Schüler veröffentlichte diese Zeilen 1911 als Teil ihres berühmten Gedichts 'Ein alter Tibetteppich' in der Sammlung 'Meine Wunder'. Die Entstehungszeit ist geprägt vom Berliner Expressionismus und der Bohème des Cafés des Westens, in der die Dichterin als exzentrische Kunstfigur agierte. Inmitten einer zunehmend rationalisierten, wilhelminischen Gesellschaft schuf sie eine private Mythologie, die jüdische Traditionen mit orientalischer Mystik verschmolz. Das Gedicht selbst gilt als eines der bedeutendsten Liebesgedichte der Moderne und entstand in einer Phase intensiven künstlerischen Austauschs mit Zeitgenossen wie Gottfried Benn oder Franz Marc. Die Verse beschreiben die Sehnsucht nach einer spirituellen und erotischen Verschmelzung zweier Seelen. Das Bild des fallenden Sterns symbolisiert eine göttliche Offenbarung oder ein schicksalhaftes Glück, das in die Intimität des Schoßes herabsinkt. Die Erwähnung der Sprachen, die wie Harfen eingeschnitten sind, verweist auf die Heiligkeit des Wortes und eine archaische, fast vergessene Form der Kommunikation, die über das rein Alltägliche hinausgeht. Für Lasker-Schüler war die Liebe stets ein sakraler Akt, eine Form des gemeinsamen Gebets, das die Liebenden aus der profanen Welt hebt und in einem zeitlosen, mystischen Raum verankert. Heute wird die Passage aufgrund ihrer bildgewaltigen Sprache und der tiefen Spiritualität geschätzt. Sie findet häufig Verwendung in der literaturwissenschaftlichen Analyse des Expressionismus sowie in Anthologien zur Liebeslyrik. Die zeitlose Metaphorik der 'Harfensprachen' dient zudem oft als Referenz in interkulturellen und interreligiösen Dialogen, da sie eine universelle Sehnsucht nach Verständigung und Transzendenz ausdrückt, die über konventionelle Sprachgrenzen hinwegreicht.
