Der Mensch ist geschaffen, um die Welt zu lieben und zu gestalten, um das Gute zu mehren und das Böse zu mindern.
Gott hat die Welt in der Weise geordnet, dass alles, was er geschaffen hat, in seinem Dienst steht und in der Ordnung bleibt, die er für jedes Geschöpf bestimmt hat.
Hintergrund & Bedeutung
Hildegard von Bingen verfasste diesen Text als Teil ihres ersten großen visionären Werkes 'Scivias', das zwischen 1141 und 1151 entstand. In einer Zeit, in der Frauen kaum theologische Autorität besaßen, erhielt die Benediktinerin nach einer göttlichen Eingebung und der päpstlichen Bestätigung durch Eugen III. die Legitimation, ihre Visionen niederzuschreiben. Das Werk reflektiert das mittelalterliche Weltbild, in dem die kosmische Ordnung als direkter Ausdruck des göttlichen Willens verstanden wurde, während Hildegard gleichzeitig ihre eigene Position als Seherin in einer streng hierarchischen Kirchenstruktur festigte. Die Passage entspringt der Überzeugung, dass die gesamte Schöpfung ein harmonisches Ganzes bildet, in dem jedes Element eine spezifische Aufgabe erfüllt. Zentral ist hierbei der Begriff der 'Viriditas' (Grünkraft) und die Idee des Mikrokosmos Mensch, der untrennbar mit dem Makrokosmos verbunden ist. Die Ordnung ist kein statisches Gefängnis, sondern ein dynamisches Beziehungsgefüge: Wenn der Mensch oder ein anderes Geschöpf aus dieser Bestimmung heraustritt, gerät das Gleichgewicht der Welt ins Wanken. Gehorsam gegenüber der göttlichen Struktur bedeutet demnach Einklang mit der Natur. Heute erfährt dieser Gedanke besonders in der Ökologiebewegung und der ganzheitlichen Spiritualität eine Renaissance. Das Zitat wird herangezogen, um ein verantwortungsbewusstes Handeln gegenüber der Umwelt zu begründen, da es die gegenseitige Abhängigkeit aller Lebewesen betont. In der modernen Naturphilosophie und in Ratgebern zur Lebensführung dient es als Mahnung, den eigenen Platz im Gefüge der Welt zu finden und die Integrität der Schöpfung als schützenswertes Gut zu begreifen.
