Zu sehen, was vor der eigenen Nase liegt, erfordert einen ständigen Kampf.
Nationalismus ist untrennbar mit dem Verlangen nach Macht verbunden. Die beständige Absicht jedes Nationalisten ist es, mehr Macht und mehr Prestige nicht für sich selbst, sondern für die Nation oder eine andere Einheit zu sichern.
Hintergrund & Bedeutung
George Orwell verfasste seinen Essay „Notes on Nationalism“ im Mai 1945, unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. In einer Zeit, in der die Weltordnung durch den Zusammenbruch des Faschismus und den beginnenden Kalten Krieg neu geformt wurde, reflektierte Orwell über die psychologischen Triebkräfte politischer Bewegungen. Er schrieb das Werk vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit totalitären Ideologien im Spanischen Bürgerkrieg und der Beobachtung, dass Intellektuelle oft blind für die Verfehlungen der eigenen Seite sind. Der Essay diente dazu, den Begriff des Nationalismus über den reinen Patriotismus hinaus als eine Form der Machtbesessenheit zu definieren.
Die Kernaussage zielt auf die Identifikation des Individuums mit einer kollektiven Machtstruktur ab. Orwell versteht Nationalismus hier als ein psychologisches Phänomen, bei dem das Individuum sein eigenes Ego in einer größeren Einheit auflöst, um durch deren Erfolg ein stellvertretendes Gefühl von Überlegenheit zu erlangen. Es geht nicht um persönliches Wohlergehen, sondern um den obsessiven Wunsch nach Dominanz der eigenen Gruppe gegenüber anderen. Diese Analyse ist zentral für Orwells gesamtes Spätwerk, insbesondere für die Mechanismen der Gruppenloyalität und der Realitätsverleugnung, die er später in „1984“ literarisch verarbeitete.
Heute wird diese Passage häufig herangezogen, um moderne Formen des Identitätsmanagements und des politischen Sektierertums zu erklären. In der Politikwissenschaft und Soziologie dient sie als Warnung vor der Erosion objektiver Wahrheit zugunsten von Gruppeninteressen. Da Orwell den Nationalismus weit fasst – er schließt damit auch Religionen oder politische Ideologien wie den Kommunismus ein –, bleibt das Zitat in Debatten über Populismus und soziale Polarisierung hochaktuell. Es wird in akademischen Diskursen ebenso zitiert wie in journalistischen Kommentaren, um die destruktive Natur kollektiven Geltungsdrangs zu verdeutlichen.
