Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: Wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater, gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein.
Dichter und Dramatiker Eine Duplik, 1778
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Hintergrund & Bedeutung

Gotthold Ephraim Lessing verfasste diese Zeilen im Jahr 1778 in seiner Streitschrift „Eine Duplik“. Der Text entstand auf dem Höhepunkt des Fragmentenstreits, einer heftigen theologischen Auseinandersetzung mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze. Lessing hatte zuvor religionskritische Schriften von Hermann Samuel Reimarus veröffentlicht, was die lutherische Orthodoxie als Angriff auf die Offenbarungswahrheiten der Bibel wertete. Inmitten dieser Zensurdebatte und persönlichen Anfeindungen formulierte Lessing sein Plädoyer für die Freiheit des Denkens gegenüber dogmatischen Absolutheitsansprüchen.

Die Passage gilt als das Kernbekenntnis des Aufklärers zum Prozesscharakter der Erkenntnis. Lessing privilegiert das unermüdliche Streben nach Wahrheit gegenüber dem statischen Besitz einer vermeintlich endgültigen Wahrheit. Er vertritt die Überzeugung, dass der Mensch durch den Akt des Suchens und Irrens seine geistigen Kräfte vervollkommnet, während der Anspruch auf die „reine Wahrheit“ Gott vorbehalten bleibt. Diese Haltung ist Ausdruck einer tiefen Bescheidenheit und zugleich eine Absage an jeden religiösen oder ideologischen Fanatismus, da sie den Irrtum als notwendigen Bestandteil menschlicher Entwicklung legitimiert.

In der Philosophiegeschichte wird das Zitat bis heute als Gründungsdokument einer kritischen Wissenschaftstheorie und des intellektuellen Pluralismus rezipiert. Es findet regelmäßig Verwendung in Diskursen über Toleranz, Bildung und die Grenzen menschlicher Vernunft. Besonders in der Wissenschaftsethik dient es als Mahnung, dass Forschung ein fortlaufender Weg ohne endgültigen Zielpunkt ist. Durch die poetische Metaphorik der göttlichen Hände bleibt der Text zudem ein fester Bestandteil des literarischen Kanons und wird oft zitiert, um die Lust am Denken über das bloße Ergebniswissen zu stellen.

Gotthold Ephraim Lessing

Dichter und Dramatiker · Deutsch

Gotthold Ephraim Lessing war ein bedeutender Dichter, Dramatiker und Philosoph der deutschen Aufklärung, der durch Werke wie 'Nathan der Weise' und seine Forderung nach religiöser Toleranz Weltruhm erlangte.

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