Wir definieren das Glück als ein Tätigsein der Seele im Sinne der ihr eigenen Trefflichkeit.
Wir halten dasjenige für vollkommen, was um seiner selbst willen und niemals um eines anderen willen gesucht wird; ein solches Gut ist nach unserer Auffassung vor allem das Glück.
Hintergrund & Bedeutung
Aristoteles verfasste die Nikomachische Ethik im 4. Jahrhundert v. Chr. als eine systematische Untersuchung über das gelungene Leben. In der Blütezeit der griechischen Polis suchte er nach dem höchsten Gut, das menschliches Handeln leitet. Das Werk ist vermutlich aus Vorlesungsnotizen entstanden und richtet sich an Bürger, die durch Charakterbildung und Vernunft zur moralischen Exzellenz finden wollen. In einer Gesellschaft, in der das Gemeinwohl und die persönliche Tugend eng verknüpft waren, bildete diese Schrift das Fundament für eine teleologische Ethik, die alles Streben auf ein Endziel ausrichtet.
Der Kern der Aussage liegt in der Definition der Eudaimonia (Glückseligkeit) als Endzweck. Während Reichtum, Ehre oder Gesundheit oft nur Mittel sind, um etwas anderes zu erreichen, wird das Glück rein um seiner selbst willen angestrebt. Es ist ein autarkes Gut, das das Leben erst begehrenswert macht. Für Aristoteles ist Glück kein flüchtiges Gefühl, sondern eine lebenslange Tätigkeit der Seele gemäß der Vernunft. Damit grenzt er sich von rein hedonistischen Ansätzen ab und betont, dass wahre Erfüllung nur durch die Entfaltung der menschlichen Potenziale und tugendhaftes Handeln möglich ist.
Bis heute bleibt dieser Gedanke ein Eckpfeiler der philosophischen Ethik und der positiven Psychologie. In Debatten über Lebensqualität und Sinnstiftung wird Aristoteles herangezogen, um den Unterschied zwischen kurzfristigem Vergnügen und langfristiger Lebenszufriedenheit zu verdeutlichen. Das Zitat findet sich in der modernen Ratgeberliteratur ebenso wie in akademischen Diskursen über Nachhaltigkeit und Ethik, da es die fundamentale Frage aufwirft, welche Ziele im Leben wirklich intrinsischen Wert besitzen und welche lediglich instrumenteller Natur sind.
