Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind, nicht wie sie sein sollten.
Die Liebe ist oft eine Frucht der Ehe, und man muss sich erst besitzen, um sich recht kennen zu lernen.
Hintergrund & Bedeutung
Jean-Baptiste Poquelin, bekannt als Molière, wirkte im Frankreich des 17. Jahrhunderts unter der Herrschaft Ludwigs XIV. In einer Ära, in der Ehen primär als ökonomische und soziale Verträge zwischen Familien arrangiert wurden, thematisierte der Dramatiker in seinen Komödien immer wieder das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Konvention und individueller Neigung. Das Zitat spiegelt die damalige Realität wider, in der die romantische Liebe nicht die Voraussetzung, sondern allenfalls ein mögliches Resultat einer Verbindung war. Molières Werk ist geprägt von der Beobachtung menschlicher Schwächen und der Kritik an einer verkrusteten Moral, wobei er oft die Sichtweise des pragmatischen Realismus einnahm.
Die Aussage bricht mit der idealisierten Vorstellung der höfischen Liebe, die eine leidenschaftliche Zuneigung vor der Vermählung postuliert. Stattdessen vertritt sie die Überzeugung, dass wahre Vertrautheit und tiefe Zuneigung erst durch die tägliche Gemeinschaft und die physische wie psychische Intimität des Ehelebens entstehen können. Molière ordnet die Liebe hier als einen Prozess ein, der Zeit und gegenseitiges Kennenlernen erfordert. Es ist ein Plädoyer für eine nüchterne, aber hoffnungsvolle Sicht auf die Institution der Ehe: Die Liebe wird nicht als flüchtiger Funke, sondern als reife Frucht verstanden, die erst im geschützten Rahmen der Beständigkeit wachsen kann.
Heute wird dieser Gedanke oft in philosophischen oder soziologischen Diskussionen über die Beständigkeit von Beziehungen herangezogen. In einer Moderne, die stark auf die initiale Verliebtheit setzt, dient Molières Perspektive als Gegenentwurf, der den Wert der gemeinsamen Entwicklung betont. Das Zitat findet sich häufig in literaturwissenschaftlichen Analysen zur klassischen französischen Komödie sowie in Ratgebern, die für eine realistischere Erwartungshaltung an Partnerschaften werben. Es bleibt aktuell, da es die zeitlose Frage aufwirft, ob Liebe die Basis oder das Ziel einer lebenslangen Bindung sein sollte.
