Die Gesamtheit des Geistes ist ein Einziges; es gibt keine Grenzen zwischen den einzelnen Geistern, und die Vielheit ist nur ein Schein, der durch die Täuschung von Raum und Zeit…
Die Welt ist mir nur einmal gegeben, nicht eine existierende und eine wahrgenommene. Subjekt und Objekt sind nur eines. Man kann nicht sagen, dass die Schranke zwischen ihnen infolge physischer Erfahrung gefallen sei.
Hintergrund & Bedeutung
Erwin Schrödinger verfasste den Essay 'Die Besonderheit des Weltbilds der Naturwissenschaft' im Jahr 1947, einer Phase, in der er sich zunehmend von der rein technischen Quantenmechanik entfernte und sich erkenntnistheoretischen sowie metaphysischen Fragen zuwandte. Nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs und seiner Emigration nach Irland suchte der Nobelpreisträger nach einer Synthese zwischen westlicher Wissenschaft und östlicher Philosophie. In diesem Werk reflektiert er über die Grenzen des physikalischen Objektivismus, der versucht, den Beobachter vollständig aus der Naturbeschreibung zu eliminieren, was Schrödinger als grundlegenden Irrtum ansah.
Die Passage artikuliert seine Überzeugung vom Monismus: Die strikte Trennung zwischen dem betrachtenden Subjekt und dem betrachteten Objekt ist für Schrödinger eine künstliche Konstruktion des menschlichen Verstandes. Er lehnt den Dualismus ab und argumentiert, dass Bewusstsein und Materie keine getrennten Entitäten sind, sondern eine unteilbare Einheit bilden. Diese Sichtweise ist stark von der indischen Vedanta-Philosophie beeinflusst, die besagt, dass das individuelle Selbst (Atman) mit dem universellen Ganzen (Brahman) identisch ist. Für Schrödinger war die Wissenschaft nicht in der Lage, die Schranke zwischen Ich und Welt niederzureißen, weil diese Schranke in der primären Erfahrung gar nicht existiert.
Heute wird diese Reflexion häufig in Diskursen über das Leib-Seele-Problem, die Philosophie des Geistes und die Deutung der Quantenphysik herangezogen. Sie dient als Mahnung gegen einen naiven Realismus und wird in der modernen Bewusstseinsforschung zitiert, um auf die subjektive Basis jeder objektiven Erkenntnis hinzuweisen. Schrödingers ganzheitlicher Ansatz findet zudem Resonanz in der ökologischen Philosophie und in populärwissenschaftlichen Werken, die die tiefe Verbundenheit des Menschen mit dem Kosmos thematisieren.
