Reicher Mann und armer Mann standen da und sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.
Glück ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.
Hintergrund & Bedeutung
Die Zuschreibung dieses Gedankens an Bertolt Brecht ist ein verbreiteter Irrtum der Zitatforschung, da die Sentenz weder in seinen dramatischen Werken noch in seiner Lyrik oder seinen theoretischen Schriften nachweisbar ist. Während Brecht für seine materialistische Dialektik und die Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse bekannt war, entstammt dieser spezifische Ausspruch eher dem christlich-humanistischen Kontext von Albert Schweitzer. In Brechts tatsächlichem Schaffen der 1920er und 1930er Jahre standen kollektive Vernunft und der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit im Vordergrund, wobei Glück oft als Resultat richtiger gesellschaftlicher Verhältnisse und nicht als rein zwischenmenschliches Phänomen definiert wurde. Die inhaltliche Kernidee postuliert ein Paradoxon der emotionalen Ökonomie: Im Gegensatz zu materiellen Gütern, die bei Teilung abnehmen, wächst immaterielles Wohlbefinden durch Partizipation und Gemeinschaft. Im Denken Brechts ließe sich dies höchstens mit dem Konzept der Solidarität verknüpfen, bei der das Individuum erst durch das Handeln im Kollektiv eine höhere Form der Wirksamkeit und Erfüllung erfährt. Dennoch widerspricht die sentimentale Färbung des Satzes Brechts meist eher nüchternem, analytischem Stil. Heute fungiert die Aussage als populäres Lebensmotto und wird häufig in der Ratgeberliteratur, auf Grußkarten oder in sozialen Medien verwendet, um altruistisches Verhalten zu propagieren. Die anhaltende Rezeption speist sich aus der Sehnsucht nach einfachen, positiven Wahrheiten in einer komplexen Welt. Dass der Name Brecht oft fälschlich darunter steht, verleiht dem schlichten Gedanken eine zusätzliche, wenn auch unberechtigte intellektuelle Schwere.
