Ich möchte alles, was mir begegnet, mit meinen Augen und Sinnen aufnehmen, um es dann in meiner Kunst zu einer neuen, eigenen Welt zu verarbeiten.
Ich möchte heute die Welt so sehen, wie sie ist, und morgen möchte ich sie so sehen, wie ich sie mir wünsche, und übermorgen werde ich sie ganz anders sehen.
Hintergrund & Bedeutung
Hannah Höch formulierte diese Gedanken in einer Ära des radikalen Umbruchs, geprägt durch ihre zentrale Rolle in der Berliner Dada-Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Normen und traditionelle Kunstbegriffe in Trümmern lagen, spiegelte ihre Aussage die Notwendigkeit wider, die Realität nicht als statisch, sondern als formbar zu begreifen. Als Pionierin der Fotomontage lebte sie in einem Spannungsfeld zwischen der harten politischen Realität der Weimarer Republik und der utopischen Sehnsucht nach einer befreiten, modernen Identität, insbesondere für Frauen. Die Kernidee des Zitats liegt in der Ablehnung einer dogmatischen Weltsicht und der Feier der subjektiven Wandlungsfähigkeit. Höch betont hier die Freiheit des Geistes, die Welt nicht nur analytisch zu erfassen, sondern sie durch die Kraft der Imagination aktiv umzugestalten. Diese Haltung korrespondiert direkt mit ihrer künstlerischen Technik: Wie in ihren Collagen werden Fragmente der Wirklichkeit dekonstruiert und zu neuen, visionären Ganzheiten zusammengefügt. Es ist ein Plädoyer für intellektuelle Beweglichkeit und die Akzeptanz von Widersprüchen als essenzieller Teil des menschlichen Daseins. Heute wird die Aussage vor allem als Manifest für Resilienz und kreative Selbstermächtigung rezipiert. Sie findet in Ausstellungs-katalogen zur klassischen Moderne ebenso Verwendung wie in philosophischen Diskursen über den Konstruktivismus. In einer Gegenwart, die oft von Ohnmachtsgefühlen gegenüber globalen Krisen geprägt ist, dient Höchs Perspektive als Inspiration, die eigene Wahrnehmung als Werkzeug der Veränderung zu begreifen und die Hoffnung auf eine gestaltbare Zukunft niemals aufzugeben.
