Die einzige Art für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten.
Die einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten.
Hintergrund & Bedeutung
Johann Joachim Winckelmann veröffentlichte diese programmatische Forderung 1755 in seiner Erstlingsschrift „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“. Zu dieser Zeit wirkte er als Bibliothekar in Dresden und stand kurz vor seiner Abreise nach Rom. In einer Ära, die künstlerisch noch vom verspielten Rokoko geprägt war, suchte Winckelmann nach einem neuen ästhetischen Fundament. Seine Schrift entstand aus der intensiven Auseinandersetzung mit den Dresdner Antikensammlungen und markiert den theoretischen Wendepunkt hin zum Klassizismus, indem sie die griechische Antike zum absoluten Maßstab erhob. Der Kern dieser Aussage liegt im Paradoxon, dass wahre künstlerische Originalität erst durch das Studium und die Nachahmung antiker Vorbilder erreicht werden könne. Winckelmann verstand Nachahmung nicht als bloßes Kopieren, sondern als das Erfassen eines geistigen Ideals, das er später als „edle Einfalt und stille Größe“ definierte. Er war überzeugt, dass die Griechen die Natur bereits in einer idealisierten Vollkommenheit dargestellt hatten, die modernen Künstlern als moralischer und ästhetischer Kompass dienen müsse, um über die bloße Naturbeobachtung hinauszuwachsen. Heute gilt das Zitat als Gründungsdokument der modernen Kunstgeschichte und Archäologie. Es wird herangezogen, um die theoretische Basis des deutschen Klassizismus zu erläutern oder um über das Verhältnis von Tradition und Innovation zu debattieren. In geisteswissenschaftlichen Diskursen dient es oft als Referenzpunkt für die Frage, wie kulturelle Identität durch die Rückbesinnung auf historische Wurzeln geformt wird, und bleibt ein zentraler Beleg für die europäische Antikenrezeption.
