Die Welt ist die Gesamtheit der Dinge, die existieren, und alles, was in ihr geschieht, folgt aus der vollkommenen Weisheit Gottes, der alles nach dem Prinzip des besten Grundes geordnet…
Die Liebe ist jene Übung des Wohlwollens, durch welche wir uns am Glück eines anderen erfreuen und dessen Wohlergehen als unser eigenes betrachten.
Hintergrund & Bedeutung
Gottfried Wilhelm Leibniz formulierte diese Definition im Jahr 1693 im Vorwort seines Werkes „Codex Iuris Gentium Diplomaticus“. In einer Zeit, die von den Nachwehen des Dreißigjährigen Krieges und dem Streben nach einer stabilen europäischen Rechtsordnung geprägt war, versuchte Leibniz, das Naturrecht auf eine rationale und zugleich moralische Basis zu stellen. Als Universalgelehrter suchte er nach universellen Prinzipien, die über rein machtpolitische Interessen hinausgingen. Er verfasste diese Zeilen, um die rechtliche Gerechtigkeit mit der christlichen Nächstenliebe (Caritas) zu verknüpfen und so ein Fundament für das friedliche Zusammenleben der Völker zu schaffen. Die Kernidee des Zitats liegt in der Aufhebung der Trennung zwischen Egoismus und Altruismus. Leibniz versteht Liebe nicht als rein emotionalen Zustand, sondern als eine intellektuelle und moralische Tugend, bei der das Glück des Gegenübers zum eigenen Lustgewinn führt. Diese Identifikation mit dem Wohlergehen des anderen ist für ihn die höchste Form der Rationalität. In seinem philosophischen System der Monadenlehre und der prästabilierten Harmonie spiegelt dies die Überzeugung wider, dass das Individuum nur in Übereinstimmung mit dem Ganzen und dem göttlichen Willen wahre Glückseligkeit finden kann. Gerechtigkeit ist für ihn folglich „die Liebe des Weisen“. Heute wird der Ausspruch vor allem in der Ethik und der Sozialphilosophie rezipiert, um die empathische Grundlage menschlicher Solidarität zu verdeutlichen. Er findet regelmäßig Verwendung in Festreden, theologischen Abhandlungen und als Leitmotiv für humanistisches Handeln. Leibniz’ Definition dient dabei als zeitloses Gegenmodell zu rein utilitaristischen Menschenbildern, da sie die Freude am Erfolg des Mitmenschen als essenziellen Bestandteil einer funktionierenden Gesellschaft hervorhebt.
