Das Höchste, was ein Mensch für den andern tun kann, ist, ihn auf sich selbst aufmerksam zu machen, ihn sich selbst zu geben.
Die meisten Menschen jagen so sehr dem Genusse nach, dass sie an ihm vorbeilaufen.
Hintergrund & Bedeutung
Søren Kierkegaard veröffentlichte diesen Gedanken 1843 in seinem monumentalen Erstlingswerk „Enten-Eller“ (Entweder-Oder). Das Buch entstand in einer Phase tiefer persönlicher Krise nach der Auflösung seiner Verlobung mit Regine Olsen und markiert seinen Aufbruch als freier Denker in Kopenhagen. In einer Zeit, die vom aufstrebenden Bürgertum und einer beginnenden Massenkultur geprägt war, setzte sich Kierkegaard kritisch mit der Oberflächlichkeit der dänischen Gesellschaft auseinander. Er wählte für den ersten Teil des Werkes das Pseudonym „Victor Eremita“, um die Perspektive des Ästhetikers darzustellen, der sich im Unverbindlichen verliert.
Die Aussage thematisiert das Paradoxon des Hedonismus: Wer das Glück zwanghaft als Ziel verfolgt, zerstört die Spontaneität, die für echtes Erleben notwendig ist. In Kierkegaards Stadienlehre beschreibt dies die „ästhetische Lebensweise“, in der der Mensch versucht, durch ständige Abwechslung der Langeweile zu entfliehen. Doch gerade diese rastlose Jagd führt zu einer inneren Leere und Verzweiflung, da der Genuss zum Selbstzweck erstarrt und der Augenblick an Bedeutung verliert. Das Individuum verpasst das eigentliche Leben, während es nur dessen flüchtigen Reizen hinterherjagt.
Heute fungiert das Zitat als zeitlose Mahnung gegen den modernen Optimierungswahn und den exzessiven Konsumismus. In der Psychologie und Lebensphilosophie wird es oft herangezogen, um auf die Bedeutung von Achtsamkeit und das Verweilen im Moment hinzuweisen. Es findet regelmäßig Verwendung in der Ratgeberliteratur sowie in gesellschaftskritischen Diskursen über die Beschleunigung des Alltags, da es die Entfremdung des Menschen von seinen eigenen Bedürfnissen prägnant auf den Punkt bringt.
