Wir halten dasjenige für vollkommen, was um seiner selbst willen und niemals um eines anderen willen gesucht wird; ein solches Gut ist nach unserer Auffassung vor allem das Glück.
Wir bezeichnen das als schön, was sowohl um seiner selbst willen begehrenswert ist, als auch deshalb, weil es Lob verdient und Vergnügen bereitet.
Hintergrund & Bedeutung
Aristoteles verfasste sein Werk 'Rhetorik' im 4. Jahrhundert v. Chr. in einer Zeit, in der die öffentliche Rede im antiken Athen das zentrale Instrument politischer und juristischer Teilhabe darstellte. In diesem Kontext war die Fähigkeit, Tugend und das moralisch Gute überzeugend darzustellen, essenziell. Das Zitat entstammt der Analyse der epideiktischen Redegattung, der Lobrede, in der es darum geht, den Charakter einer Person oder eine Handlung vor einem Publikum zu würdigen. Aristoteles verknüpft hier die Ästhetik untrennbar mit der Ethik, indem er das Schöne nicht nur als visuelles Phänomen, sondern als Ausdruck moralischer Vollkommenheit definiert.
Die Kernidee liegt in der Verbindung von intrinsischem Wert und sozialer Anerkennung. Für Aristoteles ist das Schöne (kalon) etwas, das keinen äußeren Nutzen benötigt, um wertvoll zu sein, sondern in sich selbst ruht. Gleichzeitig muss es jedoch eine positive Wirkung auf die Gemeinschaft ausüben, was sich im Lob der Mitmenschen widerspiegelt. Diese Definition ordnet sich in seine Tugendethik ein: Eine Handlung ist dann schön, wenn sie aus einer edlen Gesinnung entspringt und Freude bereitet, ohne egoistisch motiviert zu sein. Das Vergnügen ist dabei die natürliche Folge der Wahrnehmung von Ordnung und moralischer Richtigkeit.
In der heutigen Rezeption dient die Passage oft als philosophische Grundlage für Diskussionen über die Objektivität von Ästhetik und den Wert der Kunst. Während die moderne Welt das Schöne oft rein subjektiv oder oberflächlich betrachtet, erinnert Aristoteles daran, dass wahre Schönheit eine ethische Dimension besitzt. Das Zitat findet daher regelmäßig Verwendung in der Kunstphilosophie, der Pädagogik und in Diskursen über gesellschaftliche Vorbilder, um zu verdeutlichen, dass wahre Attraktivität untrennbar mit Integrität und dem Gemeinwohl verbunden ist.
