Die Sprache ist das bildende Organ des Gedankens. Die intellektuelle Tätigkeit, welche durch und durch geistig ist, tief innerlich und gleichsam spurlos vorübergehend, wird durch den Laut in der Rede äußerlich und wahrnehmbar.
Gelehrter und Staatsmann Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts, 1836
36

Hintergrund & Bedeutung

Wilhelm von Humboldt formulierte diese Gedanken in seinem sprachphilosophischen Hauptwerk, das 1836 posthum als Einleitung zu seiner Untersuchung über die Kawi-Sprache auf Java veröffentlicht wurde. In einer Zeit des Umbruchs, geprägt von der Romantik und dem aufkommenden Nationalismus, suchte Humboldt nach einer Verbindung zwischen individueller Freiheit und kultureller Identität. Als preußischer Bildungsreformer und Gelehrter war er überzeugt, dass die Vielfalt der Sprachen nicht bloß unterschiedliche Benennungen derselben Dinge darstellt, sondern Ausdruck verschiedener Weltansichten ist. Das Zitat markiert den Kern seiner Überzeugung, dass Sprache kein fertiges Werkzeug (Ergon), sondern eine fortwährende Erzeugung (Energeia) des Geistes ist. Die Sprache dient hierbei als notwendiges Medium, um flüchtige Gedanken zu fixieren und sie durch Lautwerdung für das Subjekt selbst sowie für andere erfassbar zu machen. Erst durch die Artikulation gewinnt der Geist eine Form, an der er sich abarbeiten und weiterentwickeln kann, womit Humboldt die Untrennbarkeit von Denken und Sprechen postuliert. Heute gilt diese Passage als Gründungsdokument der modernen Sprachphilosophie und Linguistik. Sie wird regelmäßig herangezogen, um die kognitive Funktion von Sprache jenseits der reinen Kommunikation zu betonen. In der Philosophie, der Kognitionswissenschaft und der Literaturtheorie dient das Zitat als Referenzpunkt für die Debatte über das sprachliche Relativitätsprinzip. Es verdeutlicht, warum Sprache als konstitutives Element menschlicher Kultur und individueller Erkenntnisprozesse unverzichtbar bleibt.

Wilhelm von Humboldt

Gelehrter und Staatsmann · Deutsch

Wilhelm von Humboldt war ein bedeutender preußischer Gelehrter, Staatsmann und Bildungsreformer, der als Begründer der modernen Universität und Wegbereiter der vergleichenden Sprachwissenschaft gilt.

Alle Zitate von Wilhelm von Humboldt →