Wer sich die Musik nicht als eine Lebensnotwendigkeit vorstellt, der hat von der Musik überhaupt keine Ahnung, der hat von der Kunst überhaupt keine Ahnung.
Schriftsteller Der Untergeher, 1983
31

Hintergrund & Bedeutung

Thomas Bernhard veröffentlichte den Roman „Der Untergeher“ im Jahr 1983, ein Werk, das die zerstörerische Kraft künstlerischer Perfektion am Beispiel dreier Klavierschüler thematisiert, darunter die fiktionalisierte Figur des Glenn Gould. Bernhard, der selbst Musik am Mozarteum in Salzburg studierte, bevor er sich gänzlich der Literatur zuwandte, verarbeitete in diesem Text seine lebenslange Obsession mit der Musik und dem Scheitern am absoluten Anspruch. Die Nachkriegszeit und die Enge der österreichischen Gesellschaft bildeten dabei den Hintergrund für seinen radikalen Rückzug in die Ästhetik.

Die Aussage radikalisiert den Kunstbegriff zu einer existenziellen Überlebensstrategie. Für Bernhard ist Kunst kein dekoratives Beiwerk oder bürgerlicher Zeitvertreib, sondern ein unerbittliches Lebensmittel, ohne das das Dasein in der Sinnlosigkeit versinken würde. Wer Musik lediglich als Genussmittel betrachtet, verkennt laut Bernhard ihren ontologischen Charakter als notwendiger Widerstand gegen den Tod und den geistigen Verfall. Diese kompromisslose Haltung ist typisch für Bernhards Übertreibungskunst, in der die totale Hingabe an eine Disziplin die einzige Rechtfertigung für die menschliche Existenz darstellt.

In der heutigen Rezeption dient das Zitat oft als flammendes Plädoyer für den Stellenwert der Hochkultur in einer zunehmend ökonomisierten Welt. Es wird in musikphilosophischen Diskursen und Feuilletons herangezogen, um die Unverzichtbarkeit der Geisteswissenschaften zu untermauern. Jenseits der Literaturwissenschaft findet die Passage Anklang bei Musikern und Künstlern, die in Bernhards Absolutheitsanspruch eine Bestätigung ihrer eigenen prekären, aber leidenschaftlichen Lebensentwürfe finden. Die zeitlose Relevanz liegt in der Provokation, die den Leser zwingt, das eigene Verhältnis zur geistigen Nahrung kritisch zu hinterfragen.

Thomas Bernhard

Schriftsteller · Deutsch-Österreicher

Thomas Bernhard war einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller der Nachkriegszeit, bekannt für seine kompromisslose Gesellschaftskritik und seinen unverwechselbaren, obsessiven Schreibstil.

Alle Zitate von Thomas Bernhard →